Also rekapitulieren wir mal:
In einem schwachen Moment in der Vergangenheit, meistens in der Jugendzeit, probieren wir die erste Zigarette ohne uns der Gefahr der Drogen- und Nikotinsucht überhaupt bewusst zu sein. Wir werden einfach überrumpelt durch die gehirnwaschende Realität, da es doch so viele Raucher gibt, denen das Rauchen anscheinend nichts anzuhaben scheint, wir ebenfalls in den sorglosen einmaligen Genuß des Tabakkonsums kommen dürfen.
Obwohl uns das Rauchen in der ersten Zeit ziemlich schwer fällt und sich der Körper dagegen wehrt und wir von überall um uns herum hören müssen, wieso wir bloß mit der Raucherei angefangen haben, machen wir dennoch weiter und gewöhnen den Organismus so langsam daran sich mit der täglichen Vergiftung einfach abzufinden. Hier tauchen schon die ersten Zweifel auf, aber da wir noch keine Leiden verspüren und uns diesen doch billigen “Genuß” leisten können, schöpfen wir immer noch keinen Verdacht. Wir denken immer noch, wenn es wirklich gefährlich wird, springen wir von der Titanic einfach ab. Es sind ja genügend Boote vorhanden.
Nach einiger Zeit rauchen wir immer mehr und mehr, unser gesamter Tagesablauf richtet sich nach den Zigarettenpausen und so langsam überkommt uns das wage Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dr. med. Eckart von Hirschhausen beschreibt es in seinem Beststeller Glück kommt selten allein1 so: “Junkies gehen nicht mehr neugierig in die Welt und suchen neue Erfahrungen, sie wollen die eine Erfahrung immer wieder machen, die vom ersten Mal. Alles andere ist vergleichsweise uninteressant. Selbst Dinge, die vorher einen “Kick” gegeben haben, reizen nicht mehr. … Denn wenn unser Glückssystem einmal derartig überstrapaziert wurde wie durch den Heroin-Kurzschluss, lernt es daraus nocht etwas: Ich darf nicht so empfindlich sein, und regelt seine Reizschwelle herauf. Deshalb sind Kennzeichen jeder Sucht die Gewöhnung und die Dosissteigerung. Wir brauchen MEHR! Auch wenn dieses MEHR immer weniger kickt. So dreht sich der Teufelskreis immer schneller, alles dreht sich immer noch um den Stoff, bis wir Verstand und Kontrolle verlieren.”Wir kommen so langsam auf die Idee, dass vielleicht an den ganzen Warnungen aus der Gesellschaft, im Fernsehen, im Internet doch was dran sein könnte und erfahren so langsam aber sicher mehr über die Schreckensbilanzen des Nikotinkonsums. Nun sagt uns der rationale Verstand, dass wir mit dem Rauchen aufhören sollten. Viele probieren es an diesem Punkt in ihrer Raucherentwicklung und schaffen es auch, der Großteil aber scheitert sang und klanglos. Da es sich nun mit der menschlichen Natur so verhält nicht gerne Niederlagen einzugestehen zu wollen und schon gar nicht wenn man sich in eine missliche Lage selbst hineinmanövriert hat, beginnt man Ausreden für das eigene Versagen zu suchen. Und, man staune, die Nikotinbestie liefert sie uns prompt. Wir wägen die Vor- und Nachteile ab, und da wir immer noch nicht gesundheitlich akut bedroht sind, überwiegen die vermeintlichen Vorteile und wir rauchen einfach weiter. Ein Restzweifel aber bleibt.
Es kommt nun der Punkt, an dem wir nach jahrelangem oder jahrzehntelangem Konsum die ersten gesundheitlichen Schäden bemerken. Die Alarmglocken schrillen und so langsam will man die Titanic wirklich verlassen. Doch irgendwelche Vorkommnisse auf dem Weg zum Rettungsboot behindern uns, irgendetwas hält uns immer wieder zurück und lässt uns nicht mit dieser verdammten Raucherei aufhören obwohl wir es doch tatsächlich wollen. Einige schaffen es sogar eine Zeitlang, fallen aber wieder in ihren gewohnten Lebensrhythums zuück und greifen zu “alten Gewohnheiten”. Die Nikotinbestie belabert uns tagtäglich und von überall werden wir bombardiert mit Themen, die sich um das Rauchen drehen. Wir sind völlig verwirrt, wissen selbst nicht mehr was wir diesbezüglich denken und davon halten sollen, der enorme Stress des Alltags und der Druck aufhören zu müssen, erzeugen derart starke Depressionen, dass uns die nächste Zigarette als letzter Freund in der Not zur Seite steht. Die ganze Tragödie ist, dass die meisten erst jetzt wahrnehmen, dass sie drogensüchtig sind.
Eines Tages passiert aber das, woran wir nie haben glauben können: Der Arzt teilt uns mit, dass wir infolge des Zigarettenkonsums unheilbaren Lungenkrebs oder eine andere schreckliche Krankheit haben. Der persönlichste aller Super-GAUs (Größter Anzunehmender Unfälle) ist also Wirklichkeit geworden. Da der Arzt neben den herkömmlichen Therapiemitteln wie z. B. Bestrahlung etc. einleiten kann, verlangt er aber vom Raucher sofort mit dem Rauchen aufzuhören. Viele Raucher in Erwartung des nahenden Todes hören zum jetzigen Zeitpunkt mit dem Rauchen auf um noch zu retten was es noch zu retten gibt. Vielleicht greift die minimale Chance auf Heilung. Doch auch an diesem Punkt angekommen rauchen viele Krebskranke weiter. Warum? Die Logik sagt ihnen: “Da du sowieso unheilbar krank bist, kannst du auch ruhig bis zum Ende weiterrauchen!” Tatsächlich ist die logische Argumentation der Nikotinbestie selbst im Angesicht des Todes hervorragend.
Das Traurige an der ganzen Geschichte: diese höchstwahrscheinliche Entwicklung eines Raucherlebens ereignet sich nur, weil man in jungen Jahren die erste Zigarette geraucht hat und damals die Gefahren des Nikotinkonsums unterschätzt hat. Die ganze Tragödie rundet noch der bittere Beigeschmack ab, dass man selbst diesen Zustand herbeigeführt hat und dafür auch noch Zehntausende von Euros ausgegeben hat. Willst du wirklich solange rauchen bis der Zeitpunkt gekommen ist, die sinkende Titanic verlassen zu müssen und du an der Reeling angekommen leider entsetzt feststellen musst, dass dir während des Eincheckens und der gesamten Fahrt verschwiegen wurde, dass es im Falle eines Sinkens des Luxusdampfers nicht genügend Rettungsboote zur Verfügung gibt?
Wenn das der Fall ist, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen im nächsten Hafen auszuchecken. Verschiebe nicht den Ausstieg bis es nicht mehr möglich ist die Fahrt abzubrechen. Mach endlich deinen Kopf frei und stecke ihn nicht mehr in den Sand. Es geht um nichts weniger als um dein Leben.
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textquelle(n): allen carrs “nichtraucher-tagebuch“, 365 unterstützende gedanken, taschenbuch 365 seiten, mosaik bei goldmann verlag, isbn-13: 978-3-442-16682-4, tagebuch-gedanken kostenlos per e-mail abonnieren
bildquelle(n): nrhz.de / titanic by 20th century fox
- siehe Kapitel Das Leben ist eine Suchmaschine, Seite 215-219, erschienen im Rowohlt Verlag, ISBN 978 3 498 02997 5 [↩]
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